Über den Tübinger Studenten und Rechtsterroristen Uwe Behrendt

In einem ausgezeichneten Beitrag des MDR über „Die Stasi und die West-Nazis aus dem Osten“ findet sich auch ein Abschnitt überHoffmanns Nummer 2: Uwe Behrendt“:

„Neben Hoffmann kamen etliche weitere bekannte Neonazis aus der DDR. Darunter waren Vorbestrafte, die von der Bundesrepublik freigekauft wurden. So auch die Nummer 2 der Wehrsportgruppe Hoffmann, Uwe Behrendt. […]

Eine typische DDR-Jugend

Uwe Behrendt wird im April 1952 in Pößneck geboren und wächst dort auf. Wie die meisten Jugendlichen ist er in FDJ, Gesellschaft für Sport und Technik (GST) und Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF) organisiert. Nach dem Abitur beginnt er eine Ausbildung zum Landwirt. Er wird zum Wehrdienst bei der Nationalen Volksarmee nach Frankenberg als Kraftfahrer eingezogen. Dort leitet er „aktiv“ einen Zirkel „Junger Sozialisten“. Mit zwanzig Jahren beginnt er ein Elektrotechnikstudium an der Technischen Hochschule Ilmenau. „Unzufrieden mit den Verhältnissen“, ein „philosophischer Idealist“, schreibt später die Staatssicherheit über den Studenten, „dadurch immer wieder Schwierigkeiten“. Während einer Urlaubsreise in die Sowjetunion und Mongolei fällt er den Entschluss, die DDR für immer zu verlassen. Er will im Westen Geologie studieren. Tatsächlich hatte er sich nach der Schule erfolglos an der Bergakademie in Freiberg beworben. „Auf diesem Gebiet“, glaube er, so schreibt er in seiner Bewerbung, „einmal das Beste für unseren Staat und unsere Gesellschaftsordnung leisten zu können“.

Akte aus Stasi-Unterlagen zu Wehrsportgruppe Hoffmann-Mitglied Behrendt.

Nach seinem Fluchtversuch wird Uwe Behrendt aus Pößneck von der Tschechoslowakei an die DDR ausgeliefert. Später kauft in die Bundesrepublik frei.

Nach seiner Rückkehr aus dem Fernen Osten versucht Behrendt, über die Tschechoslowakei zu fliehen. Bei Bratislava will er über die Donau nach Österreich schwimmen. Er wird entdeckt, festgenommen und an die DDR ausgeliefert. […]

Untersuchungshaft und Abschiebung

In der Untersuchungshaft in Gera schreibt Behrendt auf Wunsch der Stasi mehrere Einschätzungen zu Freunden und Bekannten. Möglicherweise lotet der Geheimdienst aus, ob er Behrendt als Spitzel gewinnen kann. Ungeachtet dessen wird Behrendt kurz darauf zu einem Jahr und acht Monaten Haft verurteilt, das Urteil ist handschriftlich bestätigt durch Stasi-Chef Erich Mielke. Die Haftzeit verbringt der Gefangene in Cottbus. Den Kontakt zur Familie hält er auch in dieser Zeit aufrecht. Nach einem Dreivierteljahr, im Juli 1974, wird Behrendt von der Bundesrepublik freigekauft. Seine Mutter, eine Sekretärin beim Rat des Kreises, und beide jüngeren Schwestern lässt er in der DDR zurück.

Nach seiner Abschiebung sammelt die Stasi-Kreisdienststelle im heimischen Pößneck weiter Informationen über ihn. In einem Lebenslauf, den die DDR-Auslandsspionage HVA beisteuert, gibt Behrendt an, dass er im Westen zunächst in Tübingen Deutsch, Geschichte und Theologie studierte und Mitglied der CDU wurde. An der Uni knüpfte er erste Kontakte zum Hochschulring Tübinger Studenten. Dabei lernte er Karl-Heinz Hoffmann kennen. Ein „Schlüsselerlebnis“: „Von ihm hörte ich zum ersten Mal klare Worte über die deutsche politische Situation.“ Behrendt begann ein Medizinstudium in Ulm, unterbrach dies jedoch, um zu Hoffmann nach Franken zu ziehen.

Behrendt wird Hoffmanns „2. Mann“

Einem anderen Spitzelbericht zufolge erging es dem „hochintelligenten“ Behrendt in der Bundesrepublik zunächst schlecht. Zufällig sei er dann auf Hoffmann gestoßen, der ihm Unterkunft und Verpflegung geboten habe. Das verband, Behrendt wurde WSG-Mitglied. Er lebt auf Schloss Ermreuth, studiert nun in Erlangen Medizin. Die von Karl-Heinz Hoffmann „auferlegten Pflichten“ erfüllt er mit Begeisterung. In der Wehrsportgruppe trägt er zunächst den Rang eines „Hauptunterführers“, dann steigt er zum „Leutnant“ auf.

Nach dem Verbot der Wehsportgruppe im Januar 1980 setzt sich ein Teil der Mitglieder in den Libanon ab. Auch Behrendt zieht mit. Die Gruppe unterhält gute Kontakte zur Palästinensischen Befreiungsorganisation Al-Fatah, die sie logistisch unterstützt. Mitte 1980 kehrt Behrendt aus dem Libanon nach Erlangen zurück, angeblich um weiter zu studieren. Kurz vor Weihnachten 1980 erschießt er in Erlangen den jüdischen Verleger Shlomo Levin und dessen Lebensgefährtin Frieda Poeschke vor deren Haus mit einer Maschinenpistole. Levin hatte mehrfach kritisch über die Aktivitäten der „Wehrsportgruppe Hoffmann“ geschrieben. Nach dem Mord kehrt Behrendt zurück in den Nahen Osten.

Die Leiche im Wald

Bis heute wird vermutet, dass Karl-Heinz Hoffmann Behrendt den Mord befohlen hatte. Eine Version, die von mehreren Ex-Mitgliedern der WSG gestützt wird: Der Erlanger Doppelmord sei eine von Hoffmann eingefädelte Sache gewesen, um sich bei den Palästinensern anzudienen. Behrendt hatte bis 1980 das Vertrauen Hoffmanns und vertrat ihn bei dessen Abwesenheit als „alleiniger Kommandeur“. „Er brachte noch einmal Schwung und Begeisterung in die schon fast völlig demotivierte Gruppe, nicht zuletzt durch zwei Aktionen, die das Selbstbewusstsein und die Stimmung der Gruppe erheblich steigerten.“, berichtet ein Ex-Mitglied und späterer Stasi-Spitzel. Behrendt habe im Libanon eine dringend benötigte Betoniermaschine und einen „erstklassigen Jeep“ der UNO gestohlen. Insgesamt könne über Behrendt „nur Gutes“ gesagt werden.

Andere Quellen berichteten dagegen, dass Behrendt verschiedene Gruppenmitglieder folterte. Glaubt man den verschiedenen Informanten, soll sich Behrendt im September 1981 in der Beiruter Wohnung von Karl-Heinz Hoffmann in betrunkenem Zustand erschossen haben, nachdem er, so berichtet eine Quelle, die Ausweglosigkeit seiner Lage erkannt hatte. Sein Leichnam soll in einen Bundeswehr-Schlafsack eingewickelt und in einem nahegelegenen Wald vergraben worden sein. Das Bayerische Landeskriminalamt identifiziert später Uwe Behrendt tatsächlich. Kurz vor seinen Tod schrieb Uwe Behrendt einen Abschiedsbrief an seine Mutter in Pößneck. Angeblich bat er einen Palästinenseroffizier, den Brief zu übersenden. Die Palästinenser arbeiten zusammen mit dem DDR-Geheimdienst. So gelangt der Brief in die Hände der Stasi.“

Über tuebingenrechtsaussen

Der Watchblog „Tübingen Rechtsaußen“ - ein Bewegungsmelder für rechte Aktivitäten im Raum Tübingen, Reutlingen und Rottenburg Wir wenden uns gegen rechte und reaktionäre Umtriebe in der Tübingen, Reutlingen und Rottenburg und dokumentieren diese kritisch. Egal, ob es um rechtslastige Psychosekten, homophobe FundamentalchristInnen, türkische NationalistInnen, reaktionäre Männerbünde, die RechtspopulistInnen von der AfD oder Neonazis geht. Keine anti-emanzipatorische Gruppe wird von uns ausgelassen.
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